Krankentransport: das übersehene Margen-Geschäft im Personenverkehr
Während sich der typische Personenverkehrs-Gründer 2026 zwischen Taxi und Uber-Mietwagen entscheidet, gibt es ein drittes Geschäftsfeld mit deutlich höheren Margen und stabilerer Nachfrage: Krankentransporte. Konzessionsrechtlich basiert das auf §49 PBefG (gleicher Paragraph wie Mietwagen), aber die Geschäftsmodell-Logik ist eine völlig andere.
Drei Faktoren machen Krankentransport attraktiv:
- Vertragspartner sind Krankenkassen, nicht App-Plattformen — stabile, planbare Vergütung statt Provisions-Roulette
- Spezialisierung schafft Eintrittsbarrieren: Wer Liegendtransporte, Tragetransporte oder Dialyse-Fahrten anbietet, hat lokal oft nur wenige Konkurrenten
- Sozial-relevant: Die Nachfrage steigt durch demografischen Wandel — alterndes Deutschland heißt steigender Bedarf an Dialyse-, Reha- und Klinikfahrten
Expert-Statement · Bildungszentrum Verkehr
Krankentransport ist NICHT Notfall-Rettungsdienst. Wer Notfälle (Rettungswagen, Notarzt) fahren möchte, braucht eine separate Genehmigung nach Landesrettungsdienstgesetz — das ist ein anderes Geschäftsfeld mit höheren Anforderungen. Krankentransport im PBefG-Sinn deckt planbare Patienten-Fahrten zu Arzt, Klinik, Reha, Dialyse.
Krankentransport vs. Krankenfahrt — der wichtige Unterschied
Die Begriffe werden umgangssprachlich oft verwechselt, juristisch sind sie aber klar getrennt:
| Krankenfahrt | Krankentransport | |
|---|---|---|
| Rechtsgrundlage | PBefG §49 (Mietwagen) | PBefG §49 + Rettungsdienstgesetz Land |
| Patient | gehfähig, sitzend transportierbar | nicht gehfähig (Liegend-, Tragetransport) |
| Fahrzeug | normales PKW | spezielles Krankentransport-Fahrzeug (KTW) |
| Personal | P-Schein-Inhaber | mind. Rettungssanitäter |
| Kassenleistung | Versicherte ab gewissem Härtegrad | bei medizinischer Notwendigkeit |
| Genehmigung | Mietwagenkonzession | erweiterte Genehmigung |
Die meisten Mietwagen-Konzessions-Inhaber bedienen Krankenfahrten (sitzender Transport) — das ist mit einer normalen Mietwagenkonzession + Kassenvertrag möglich. Echte Krankentransporte (Liegendtransport, Tragebahre) brauchen zusätzliche Genehmigungen.
Dieser Artikel fokussiert auf Krankenfahrten + Sitztransporte über Mietwagenkonzession — das mit Abstand größte Marktsegment.
Voraussetzungen für Krankenfahrten
Konzession
Mietwagenkonzession nach §49 PBefG — Details im Mietwagenkonzession-Leitfaden.
Fahrzeug
Für gehfähige sitzende Patienten reicht ein Standard-PKW mit:
- ausreichend Beinfreiheit (oft Kombi oder Van)
- TÜV-konformer Ausstattung
- versicherungstechnischer Mietwagen-Klassifizierung
Für Rollstuhl-Transporte sind rollstuhltaugliche Fahrzeuge (Rampe oder Lift) erforderlich — Investition typisch 35.000–55.000 € für Neufahrzeuge.
Personal
Mindestens P-Schein. Für reine Sitzfahrten ohne medizinische Betreuung reicht das. Für höhere Anforderungen (Sauerstoffgabe, ärztliche Begleitung) sind Sanitäter-Qualifikationen nötig.
Kassenvertrag
Der zentrale Hebel: Verträge mit Krankenkassen, die Patientenfahrten erstatten. Ohne Kassenvertrag rechnen Sie privat ab — Markt deutlich kleiner.
Kassenverträge — der wichtigste Schritt
Die gesetzlichen Krankenkassen schließen mit Mietwagen-Unternehmern Rahmenverträge ab, in denen Tarife, Abrechnung und Qualitätsanforderungen definiert sind. Wichtige Kassen 2026:
- AOK (regional unterschiedlich, größter Marktanteil)
- Techniker Krankenkasse
- Barmer
- DAK-Gesundheit
- IKK Classic
- Knappschaft
Die Vertragsmodalitäten variieren regional. Typische Eckpunkte:
- Pauschalen pro Fahrt (z. B. 25–45 € für Stadtfahrten unter 20 km)
- Kilometer-Vergütung für längere Strecken (rund 0,80–1,40 € pro km)
- Wartezeit-Vergütung beim Arzt (rund 15–25 € pro Stunde nach Karenzzeit)
- Abrechnungs-System: Heute weitgehend digital über Kassen-Portale
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Praxis-Tipp: Schließen Sie Verträge mit den 4–5 Top-Krankenkassen Ihrer Region ab. Eine Konzentration auf nur eine Kasse macht Sie abhängig — bei Vertrags-Kündigung verlieren Sie auf einen Schlag den Großteil Ihres Umsatzes.
Antragsprozess Schritt für Schritt
1. Mietwagenkonzession beantragen
Der Standard-Antragsprozess nach §49 PBefG (siehe Mietwagenkonzession-Leitfaden). 4–8 Wochen bis Erteilung.
2. Geeignetes Fahrzeug anschaffen
Für gehfähige Patienten: Komfortabler Kombi (z. B. Mercedes B-Klasse, VW Caddy, Skoda Octavia Combi). Für Rollstuhl-Transporte: Spezialfahrzeug mit Rampe.
3. Versicherung als Mietwagen anmelden
Die Kfz-Versicherung muss explizit „Mietwagen / Personenbeförderung mit Krankentransport-Anteil" abdecken. Standard-PKW-Versicherung reicht NICHT.
4. Verhandlung mit Krankenkassen
Erste Verträge dauern erfahrungsgemäß 2–4 Monate. Sie brauchen:
- Konzessionsurkunde
- Fahrzeug-Zulassung
- Versicherungsnachweis
- Hygiene-Konzept (für Sitzfahrten Standard, für Rollstuhl umfangreicher)
- Optional: Empfehlungen anderer Kassen oder Klinik-Partner
5. Abrechnungssystem einrichten
Die meisten Kassen erwarten digitale Abrechnung über Portale wie:
- AOK-Connect / AOK-Online
- TK-Portale
- Kassenärztliche Abrechnungsdienstleister
Software dafür gibt es als SaaS-Lösungen ab 30–80 € pro Monat.
Kostenrechnung 2026 für ein Krankenfahrten-Geschäft
Realistische Kostenstruktur für ein 1-Fahrzeug-Unternehmen mit Mietwagenkonzession + Kassenverträgen:
Einmalige Investitionen:
- IHK-Fachkunde + P-Schein + Konzession: 2.000–3.500 € (Bildungsgutschein-fähig)
- Fahrzeug Kombi neu: 25.000–35.000 €
- Versicherungseinrichtung, Werbung, Hygiene-Konzept: 1.500–3.000 €
Laufende Kosten (Monat):
- Fahrzeug-Finanzierung: 350–500 €
- Versicherung: 250–400 €
- Kraftstoff (Diesel): 600–900 €
- Werkstatt-Rücklage: 150 €
- Abrechnungs-Software: 50 €
Realistischer Umsatz (Vollzeit, 1 Fahrer):
- Pro Schicht 6–10 Fahrten à 35 € Pauschale = 210–350 €/Tag
- 20 Arbeitstage = 4.200–7.000 € Bruttoumsatz/Monat
Nach Kosten typisch 2.500–4.000 € netto/Monat als Einzelunternehmer.
Häufige Fragen
Brauche ich Sanitäter-Qualifikation für Krankenfahrten?
Für gehfähige sitzende Patienten ohne medizinische Begleitung NEIN — P-Schein genügt. Für Trage- und Liegendtransporte oder Sauerstoffgabe JA.
Kann ich Krankenfahrten parallel zu Plattform-Aufträgen (Uber, Bolt) fahren?
Ja, technisch — aber wirtschaftlich oft unsinnig. Krankenfahrten sind planbar (Termine im Voraus), Plattform-Aufträge sind spontan. Wer beides mischt, ist auf Dauer in einem unklaren Tagesablauf.
Wie finde ich die ersten Kassenverträge?
Direkt anschreiben mit Standardformularen — die Krankenkassen haben Vorlagen. Hilfreich ist auch der Kontakt zu lokalen Kliniken und Reha-Zentren, die Krankenfahrten oft selbst koordinieren.
Was ist mit Privatversicherten?
Bei Privatkassen rechnen Sie direkt mit dem Patienten ab — höhere Marge, aber kleinerer Markt. Lohnt sich oft als Zusatzgeschäft, nicht als Hauptstandbein.
Kann ich auch Krankenfahrten ohne Kassenvertrag durchführen?
Ja, dann als private Fahrt mit individueller Rechnungstellung. Der Patient muss bei der Kasse selbst einreichen — administrativ aufwendig für ihn, geringere Wiederholungs-Wahrscheinlichkeit.
Wie lange dauert es, ein Krankenfahrten-Unternehmen aufzubauen?
Realistic 6–9 Monate ab Konzessionsantrag: 2 Monate Konzession, 3 Monate erste Kassenverträge, 1–4 Monate Geschäftsausbau. Vollzeit-Auslastung typisch im 6.–12. Monat erreicht.
Welche Stadt eignet sich besonders für Krankenfahrten?
Größere Städte mit Klinikum-Dichte. Aber: oft attraktiver sind Mittelstädte und ländliche Räume — dort sind die Kassenverträge weniger umkämpft, die Patienten-Distanzen länger (höhere Vergütung), und der Markt insgesamt überschaubarer.
Nächste Schritte
Wenn Sie 2026 mit Krankenfahrten starten möchten:
- Mietwagenkonzession beantragen: 4–8 Wochen Vorlauf — siehe Mietwagenkonzession-Leitfaden
- Fördermittel-Check: 60-Sekunden-Quiz prüft, ob Ihre Qualifikations-Kosten komplett gedeckt sind
- Gründungsberatung mit Krankentransport-Fokus: Wir kennen die regionalen Kassenstrukturen und vermitteln Kontakte zu Bestands-Krankentransport-Unternehmen
Mehr Hintergrund: Taxikonzession beantragen — Komplettleitfaden und IHK-Fachkunde Taxi & Mietwagen.
Sie wollen ein Krankentransport-Geschäft aufbauen?
Das Bildungszentrum Verkehr begleitet Sie von der Konzession bis zum ersten Kassenvertrag — mit Praxis-Know-how aus laufenden Mandaten in Baden-Württemberg und darüber hinaus.
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